Basler Beobachter hat geschrieben: 25.06.2026, 19:08Du begreifst es immer noch nicht. Dir, mir und fast allen Usern hier ist das Sündenregister der Regierungen Russlands und der UdSSR bekannt. Daher gibt es dazu nichts zu debattieren.LeTinou hat geschrieben: 25.06.2026, 14:58 Bei Polen geht es um eine unterschiedliche Geschichtsbeurteilung. They agree to disagree. Bei den Russenfaschistenpropagandafantasien zum angeblichen Nazismus und Entnazifizierung geht es um erstunkene und erlogene Scheinbegründungen zwecks Auslebens imperialistischer Allmachtsfantasien. Oder kurz: Die Russenfaschisten wollten angreifen, aber sie brauchten einen Grund. Wie ihre Brüder im Geiste damals 1939, die "zurückgeschossen" haben.
Ganz ehrlich, ich selber hatte auch Zweifel an den Nazikollaborateuren-Vorwürfen Russlands gegenüber der Ukraine, welche Putin damals erwähnte. Aber unterdessen musste auf Druck Israels der ukrainische Botschafter in Deutschland (Andrey Melnik) seinen Posten räumen. Und nun die Sache mit der UPA. Somit halte ich es gut für möglich, dass in der Ukraine z.B. öffentliche Strassen nach Stepan Bandera genannt werden. Nein, ich war nicht in der Ukraine, um dies mit eigenen Augen zu kontrollieren. Und nochmals nein, den Russen missfallende Strassennamen sind kein Grund, einen Krieg anzuzetteln.
Ich habe absichtlich den Begriff "Nazikollaborateure" geschrieben, und nicht den Begriff "Nazi". Denn diese Leute in der Westukraine kämpften nicht aus Nazi-Ideologie, sondern aus Hass gegen das Sowjet-Regime. Und in diesem Hass sahen sie die deutschen Nazis eben als Befreier vom sowjetischen Joch und dienten ihnen nur deshalb zu. Übrigens, Gleiches tat auch der antisowjetische Widerstand im Baltikum. Nähere Details dazu in Dokumentarfilmen, die hin in wieder auf Arte, ZDFinfo und 3Sat gezeigt werden. Alles Sender, bei denen davon ausgegangen werden kann, dass sie sich bemühen, so nahe an der Wirklichkeit zu berichten.
Nein, du bist es, der nicht begreift. Du beschreibst im Grunde selbst, warum die russische Darstellung blanker Unsinn ist. Wenn jemand aus Hass auf das stalinistische Sowjetregime zeitweise mit Deutschland kooperierte, macht ihn das nicht automatisch zu einem ideologischen Nationalsozialisten. Kooperation in einem Krieg bedeutet nicht ideologische Zustimmung. Da sind wir uns ja einig.
Sonst müsste man denselben Massstab auch auf die Westalliierten anwenden: Die USA und Grossbritannien kooperierten im Zweiten Weltkrieg mit dem stalinistischen Regime und lieferten der Sowjetunion Waffen, Fahrzeuge, Rohstoffe und andere Güter, obwohl Stalin für Terror, Deportationen, Hungersnöte und Massenmorde verantwortlich war. Das machte die Westalliierten nicht zu Stalinisten. Es war ein Zweckbündnis gegen Hitler.
Ähnlich war es bei Teilen der ukrainischen Unabhängigkeitsbewegung: Viele sahen in Deutschland zunächst eine Chance, die sowjetische Herrschaft abzuschütteln. Das macht Bandera und die OUN/UPA nicht unproblematisch. Es gab reale Kollaboration sowie schwere Verbrechen an Juden und Polen, die klar benannt und verurteilt werden müssen. Gleichzeitig sollte man den historischen Kontext nicht ausblenden: Antisemitismus war in den 1930er- und 1940er-Jahren leider in weiten Teilen Europas verbreitet. Das erklärt die damaligen Einstellungen, entschuldigt sie aber nicht.
Genau deshalb ist der Begriff "Nazikollaborateure" irreführend, wenn er suggerieren soll, die ukrainische Unabhängigkeitsbewegung sei im Kern nationalsozialistisch gewesen. Die Verehrung Banderas beruht für seine Anhänger vor allem auf seiner Rolle als Symbol des ukrainischen Unabhängigkeitskampfes gegen die Sowjetherrschaft, nicht auf einer Identifikation mit der NS-Ideologie. Dass diese Erinnerungskultur umstritten ist und auch innerhalb der Ukraine kritisiert wird, steht auf einem anderen Blatt.
Vor allem sollte man zwei Fragen sauber trennen: Man kann die ukrainische Erinnerungskultur kritisch sehen, ohne daraus die russische Propagandabehauptung einer notwendigen "Entnazifizierung" abzuleiten. Das eine folgt aus dem anderen nicht.
Der wichtigste Punkt: Selbst wenn es in der Ukraine keine einzige Bandera-Strasse gäbe, hätte der Kreml sehr wahrscheinlich einen anderen Vorwand gefunden. Die offiziellen Begründungen haben sich im Laufe der Zeit ohnehin ständig verändert: Von der "Entnazifizierung" über den Schutz russischsprachiger Menschen bis hin zu NATO-Argumenten oder der Behauptung, die Ukraine sei gar kein eigenständiger Staat. Das spricht dafür, dass diese Narrative vor allem der Rechtfertigung eines bereits beschlossenen Angriffskrieges dienen.
Die Verbrechen einzelner nationalistischer Gruppen sind keine Erklärung dafür, warum Russland 2022 einen Angriffskrieg begonnen hat, und schon gar keine Rechtfertigung dafür.
Ein weiterer Unterschied wird oft übersehen: Das nationalsozialistische Deutschland wurde 1945 militärisch besiegt, das NS-Regime zerschlagen und seine Ideologie offiziell geächtet. Die Sowjetunion hingegen ging als Siegermacht aus dem Krieg hervor. Zwar endete der Personenkult um Stalin nach seinem Tod teilweise mit der Entstalinisierung, doch viele autoritäre Strukturen, der Sicherheitsapparat und ein imperial geprägtes Staatsverständnis bestanden fort.
Unter Wladimir Putin wurden zahlreiche dieser Traditionen wieder stärker aufgegriffen: die Verherrlichung der sowjetischen Grossmacht, die Rechtfertigung imperialer Einflusssphären, die Rehabilitierung Stalins in Teilen der offiziellen Erinnerungskultur sowie die Unterdrückung politischer Opposition. Gerade deshalb sehen viele Menschen in Osteuropa eine historische Kontinuität zwischen sowjetischem Imperialismus und der heutigen russischen Politik.
Gerade deshalb ist es wichtig, dass Russland mit diesem imperialen Politikverständnis keinen Erfolg hat. Ein Angriffskrieg darf nicht dazu führen, dass Grenzen mit Gewalt verschoben und Nachbarstaaten ihrer Souveränität beraubt werden. Nicht nur, weil Russland bestraft werden soll, sondern weil sich sonst das Signal verfestigt, dass militärische Expansion und das Recht des Stärkeren wieder ein akzeptiertes Mittel der Politik sind. Diese Form imperialen Denkens gehört überwunden, so wie nach 1945 der Nationalsozialismus überwunden werden musste.
Vor diesem Hintergrund lässt sich nachvollziehen, warum manche osteuropäischen Nationalbewegungen bis heute vor allem ihren Widerstand gegen die Sowjetunion betonen. Das erklärt ihre historische Perspektive, auch wenn sie mit der historischen Erinnerung Polens an die Verbrechen der OUN/UPA zwangsläufig kollidiert. Beide Sichtweisen haben ihren historischen Ursprung und müssen verstanden werden, ohne dass daraus eine Relativierung der begangenen Verbrechen folgt. Unterschiedliche historische Perspektiven sind jedoch keine Legitimation für die russische Propaganda, die heutige Ukraine als "Nazistaat" zu diffamieren oder daraus einen Angriffskrieg abzuleiten.