Besu hat geschrieben:
Was sagt er? Habe leider kein Abo.
Andreas Herrmann im Gespräch
«Wir verspüren bei Shaqiri keinen Zeitdruck»
Andreas Herrmann, der technische Leiter des FC Basel, spricht über den Ausnahmespieler, den Kaderumbruch sowie die Zusammenarbeit mit Valentin Stocker.
Dominic Willimann, Linus Schauffert
Publiziert heute um 18:41 Uhr
Andreas Herrmann, mit Ludwig Malachowski Thorell und Akpe Victory hat der FCB am Dienstag die Neuzugänge Nummer 4 und 5 verkündet. Damit ist man früher dran als noch in den vergangenen Saisons.
Ja, wir haben absichtlich einen proaktiveren Ansatz gewählt in diesem Transferfenster. Das wirkt sich gut auf die Verhandlungen aus, da die Spieler spüren, dass wir sie wollen – und andererseits kann der Trainerstaff so die neue Saison besser vorbereiten.
Auch vonseiten des FCB hiess es, dass ein grosser Umbruch im Kader bevorstehe. Wie weit ist dieser nun schon vorangeschritten?
Für mich hört sich das Wort Umbruch zu dramatisch an. Wir wollen gezielt Verstärkungen vornehmen. Aber es ist klar, dass es noch Bewegung im Kader geben wird – sowohl bei den Zu- als auch bei den Abgängen. Mit den fünf Transfers, die wir bisher getätigt haben, ist der FCB aber im Soll.
Wie dringend nötig sind aus Ihrer Sicht Verstärkungen, damit man in der kommenden Saison wieder vorne mitspielen kann?
Der Grossteil des Kaders hat die Qualität dafür. Man muss trotz der Enttäuschung über die vergangene Spielzeit auch sehen, dass wir unter unseren Möglichkeiten geblieben sind. Nehmen wir als Beispiel Albian Ajeti: Er hatte in der vergangenen Saison einen Expected-Goals-Wert von mehr als 0,5 pro 90 Minuten – und hat trotzdem nur vier Treffer erzielt. Mit etwas mehr Glück wären es vielleicht zehn geworden. Denn wir wissen ja um die grossen Abschlussqualitäten von Albi.
Ist man dennoch weiterhin auf der Suche nach einem neuen, treffsicheren Stürmer?
Wir sind auf dieser Position bereits ordentlich aufgestellt. Aber natürlich halten wir die Augen nach Torgefahr offen – wobei diese nicht nur über den Mittelstürmer erzeugt werden soll. Wir werden nichts Unüberlegtes tun, und möglicherweise ergibt sich ja auch auf dem Leihmarkt, der tendenziell immer etwas später ins Rollen kommt, noch etwas.
Es ist also denkbar, dass der FCB mit jenen Stürmern in die Saison startet, die jetzt im Kader sind?
Ja, das ist denkbar. Wobei die Saison schon Ende Juli beginnt …
Eine Position, auf der man mit Sicherheit noch etwas tun wird, ist die des Linksverteidigers.
Da stimme ich Ihnen zu.
Zuletzt kursierte der Name Isaac Schmidt in diesem Zusammenhang. Wäre das eine Option für den FC Basel?
Nachdem wir mit Dominik Schmid einen gestandenen Spieler abgegeben haben, suchen wir einen Ersatz in einem ähnlichen Alter. Wir prüfen Spieler mit und ohne Schweizer Pass.
Schmid sagte nach seinem Abgang im Interview mit der BaZ, er habe nicht gespürt, dass der FCB ihn habe halten wollen.
Ich war nicht direkt in die Gespräche involviert, da ich damals noch nicht offiziell im Amt war. Soweit ich weiss, signalisierte der Spieler früh, dass er etwas Neues suchte. Zwischenzeitlich war ein Verbleib eine Option, doch mit einem Restvertrag von einem Jahr lief es auf Verlängerung oder Abschied hinaus. Wir hätten ihn gerne behalten, aber zu für uns machbaren Konditionen. Was ich aber festhalten möchte: Aus meiner Sicht hat sich Dominik während der gesamten Verhandlungen absolut fair verhalten.
Wie will der FCB seine Führungsqualitäten ersetzen?
Ich sehe genug Führungspersönlichkeiten in der Mannschaft. Leadership hängt nicht nur mit dem Alter zusammen. Sehen Sie sich Ludwig Malachowski Thorell an: Er ist erst 21, aber übernahm beim Meistertitel mit Mjällby AIF eine Leaderrolle, und er bringt eine enorme Reife mit. Allgemein achten wir beim Scouting in diesem Sommer extrem auf Eigenschaften wie Resilienz und Verantwortungsbewusstsein. Die letzte Saison hat uns gezeigt, wie wichtig das ist.
Ein anderer Führungsspieler, Xherdan Shaqiri, liess beim Trainingsauftakt bemerkenswerterweise seine unmittelbare Zukunft offen. Haben Sie seither mit ihm gesprochen?
Wir stehen ständig in einem offenen Austausch mit Xherdan und seinen Beratern. Aber wir verspüren keinen Zeitdruck. Ich bin der Meinung, dass seine Aussagen medial etwas überspitzt interpretiert wurden. Er will vor allem eine gute Mannschaft vorfinden, mit der er Erfolg haben kann. Ihm geht es primär um das Wohl des FC Basel.
Anfang April deutete er in einem Interview mit der «Basler Zeitung» an, dass Gespräche mit Daniel Stucki über eine mögliche Vertragsverlängerung kurz bevorstehen würden. Konkret wurden diese also noch nicht.
Wie gesagt, sind wir im ständigen Austausch. Aber der Moment für einen Entscheid in eine konkrete Richtung ist noch nicht gekommen.
Kommt dieser erst im Winter?
Nicht per se. In solchen Angelegenheiten gibt es keinen Zeitrahmen. Wenn es etwas zu vermelden gibt, werden wir das tun. Aber derzeit befinden wir uns mit Xherdan in einem normalen Prozess, und es wird nicht von heute auf morgen eine Entscheidung getroffen. Das wollen weder wir noch er und seine Berater. Stand jetzt ist er fester Bestandteil der Kaderplanung für die kommende Saison.
Wie gut passt Xherdan Shaqiri mit 34 Jahren noch in die intensive Spielweise, die Stephan Lichtsteiner sehen möchte?
Xherdan ist ein absoluter Ausnahmespieler, der Partien im Alleingang entscheiden kann. Einem solchen Individualisten muss man gewisse Freiräume einräumen, die wir dann über das Kollektiv auffangen. Er läuft den Gegner vielleicht nicht ununterbrochen an, aber er dirigiert durch sein Stellungsspiel das Pressing extrem intelligent. Die nötige Intensität für das hohe Pressing bringen die anderen Spieler mit, die bereits da sind oder noch kommen. Das passt perfekt zusammen.
Über 90 Minuten wird man so aber kein effektives hohes Pressing durchsetzen können.
Wir wollen vor allem variabel sein. Wir arbeiten intensiv an Physis und Geschwindigkeit, brauchen aber gegen tief stehende Gegner eben auch die fussballerischen Lösungen. Der moderne Fussball erfordert zwar enorme Athletik, aber ein hohes Pressing wird immer situativ je nach Gegner eingesetzt. Die oberste Prämisse ist nicht, nur noch extrem hoch draufzugehen.
Die Philosophie des FCB unter David Degen besagt, dass junge Spieler nach Basel geholt, entwickelt und dann teuer weiterverkauft werden sollen, um so nachhaltig finanziell stabil und erfolgreich zu sein. Können Sie zu hundert Prozent hinter diesem Geschäftsmodell stehen?
Wirtschaftlich gehe ich da mit David mit. Da es für Schweizer Clubs durch das Uefa-Ranking extrem schwer geworden ist, die europäischen Gruppenphasen zu erreichen, führt der logische Weg zu Einnahmen über den Transfermarkt. Man kann sich finanziell nicht mehr blind auf eine Europacup-Teilnahme verlassen.
Aber es wird auch Routine benötigt …
Ein funktionierendes Kader braucht eine ausgewogene Balance. Auf der Kernachse benötigen wir Erfahrung und Leadership. Deshalb sind Akteure wie Albian Ajeti, Xherdan Shaqiri oder ein erfahrener Rückkehrer wie Jonas Omlin enorm wichtig, um die Talente gezielt zu führen und zu integrieren.
In dieser Vorbereitung erhalten erneut einige Nachwuchsspieler die Möglichkeit, sich in der ersten Mannschaft zu beweisen. Wie steht es um die Durchlässigkeit vom Campus zu den Profis?
Der Sprung in die erste Mannschaft des FC Basel ist fussballerisch wie mental riesig. Gemeinsam mit Timo Jankowski und Kevin Ramseyer (Head Academy und Head Operations Academy; die Red.) wollen wir im Nachwuchs-Scouting Schweizer Toptalente noch früher an den Club binden. Mit unserer U21 in der Promotion League haben wir eine gute Zwischenstufe. Zudem wollen wir das Thema «gezielte Leihgeschäfte in die Challenge League» künftig strukturierter angehen, um den Nachwuchsakteuren den Übergang in den Männerfussball zu erleichtern. Wir verteilen aber keine Geschenke: Jeder junge Spieler muss begreifen, dass es ein Privileg ist, beim FCB oben mittrainieren zu können.
Bei Manchester United respektive innerhalb des Ineos-Netzwerks hatten Sie finanziell ganz andere Möglichkeiten. Müssen Sie Ihre Arbeitsweise in Basel komplett umstellen?
Das ist ein Trugschluss. Bei Manchester United waren wir Teil eines Multiclubmodells und hatten für Partnervereine wie Nizza oder Lausanne oft gar kein grosses Budget. Wir mussten regelmässig nach ablösefreien Spielern und Talenten in Nischen suchen. Einige Spieler, die wir jetzt für Basel auf dem Zettel haben, kannte ich aus dieser Zeit. Für unseren Chefscout Marko Filipovic und mich ist die Umstellung daher überhaupt nicht gross.
Wie schwierig ist es zurzeit, einen Spieler von einem Wechsel nach Basel zu überzeugen, wenn der Club nicht europäisch spielt?
Der FC Basel besitzt eine enorme Strahlkraft. Wenn wir mit den Spielern am Tisch sitzen, können wir sie fast immer überzeugen. Wir zeigen ihnen die Wege von ehemaligen Spielern auf – zum Beispiel Mohamed Salah, Granit Xhaka, Breel Embolo, Manuel Akanji, Andy Diouf und so weiter. Die Berater wissen, dass der FCB ihren Klienten beim nächsten Karriereschritt keine Steine in den Weg legt. Zudem punktet Basel mit seiner Infrastruktur und dem emotionalen Umfeld. Viele Toptalente spielen lieber in einem gefüllten Joggeli als vor halb leeren Rängen.
Inwiefern unterscheidet sich Ihre jetzige Tätigkeit als technischer Direktor von Ihren früheren Rollen im Scouting?
Der Kern bleibt ähnlich: Es geht darum, Spieler zu bewerten und ein stimmiges Kaderbild zu formen. Neu sind für mich die Medienarbeit und die direkte Nähe zur Mannschaft und zum Trainerstaff. Für mich war klar, dass ich täglich auf dem Platz stehen und die Atmosphäre spüren will, statt als Scout alleine um die Welt zu reisen. Zudem trage ich jetzt die Hauptverantwortung für Transfers und spüre einen anderen Druck. Dazu gehört, dass ich lernen musste, Aufgaben zu delegieren und nicht überall bis ins Detail mitzuwirken.
Einfach gesagt teilen Sie sich mit Valentin Stocker die Arbeit, die zuvor Daniel Stucki erledigt hat. Wie sieht das konkret aus?
Valentin und ich sitzen im selben Büro und tauschen uns permanent aus. Er übernimmt den Hauptteil an Administrativem und Organisatorischem rund um das Team und bringt seine Perspektive als Ex-Profi ein. Ich kümmere mich primär um den technischen Bereich: Scouting, Recruitment, Spielerakquise und die Federführung bei den Transferverhandlungen. Unterstützt werden wir unter anderem von unserem neuen Chefscout Marko Filipovic.
Wo liegen die Vorteile gegenüber einem einzelnen Sportdirektor?
In der vorherigen Konstellation war die Arbeitslast für eine einzelne Person sehr gross. Daniel Stucki musste den gesamten administrativen und technischen Bereich alleine abdecken, wodurch die Zeit für den täglichen Austausch mit dem Trainerstaff hin und wieder fehlte. Für einen Club von der Dimension des FC Basel ist es schlicht nicht mehr zeitgemäss, nur einen einzigen Sportchef zu haben. International ist es völlig normal, diese Aufgaben auf mehrere Schultern zu verteilen.