Valentin Stocker will keine Marionette sein
Der FC Basel präsentiert seine neue sportliche Co-Leitung den Medien – und bestätigt den Eindruck eines Clubs in der Schwebe.
Oliver Gut
Publiziert heute um 19:30 Uhr
In Kürze:
- Valentin Stocker übernimmt vorerst kommissarisch die sportliche Leitung beim FC Basel.
- Andreas Herrmann (34) kommt von Manchester United und übernimmt das Transferwesen fest.
- Der FCB will laut Herrmann wieder um den Meistertitel sowie europäisch mitspielen.
- Grosse Transferbewegungen sind erst nach dem Super-League-Start am 25. Juli zu erwarten.
Eine Antwort gibt es an diesem Donnerstagnachmittag von Valentin Stocker in die Mikrofone, die glasklar daherkommt. «Ich war derjenige, der das so wollte», erwidert der frühere Captain des FC Basel ohne Umschweife, als er danach gefragt wird, wessen Idee es war, dass er seine neue Funktion vorerst nur «kommissarisch» bis zum Ende der Transferphase ausübe.
Zumindest bis dahin ist Stocker also Sportlicher Leiter der Profimannschaft. Er ist eng an den Spielern und am Trainerstaff, spürt den Puls und ist um die Atmosphäre besorgt. Er wird erster Ansprechpartner für die Medien sein, wenn es um Belange der sportlichen Führung geht. Und der 37-Jährige ist damit Teil einer Doppelspitze, die er mit jenem Mann bildet, der da neben ihm auf dem Podium sitzt: Andreas Herrmann, dem neuen Technischen Direktor des FC Basel. Ein 34-jähriger Frankfurter, der von Manchester United gekommen ist, um sich bei Rotblau auf Kaderbildung sowie Transfer- und Vertragswesen zu konzentrieren. Und der das weder «kommissarisch» noch «ad interim» oder «bis auf weiteres» tut.
Wobei: «Bis auf weiteres» ist ja irgendwie alles. Oder wie es Heiko Vogel einmal formuliert hat, als er beim FCB gerade Sportchef-Trainer war: Die einzige Konstante ist die Veränderung.
Das mag zwar stimmen. Aber es bedeutet keinesfalls, dass derjenige, der sich am rasantesten verändert, auch der Konstanteste wird. Das hat der FC Basel in den vergangenen Jahren eindrücklich bewiesen, als einer hohen Personalfluktuation auf allen Ebenen eine grosse Bandbreite an sportlichen Verdikten gegenüberstand: Vom Fastabstieg und Liga-Schlussrang 8 im Jahr 2024 zum Doublegewinn 2025 und schliesslich wieder runter auf den fünften Platz, samt Verpassen sämtlicher Saisonziele – also sowohl der ursprünglichen als auch der nachträglich nach unten korrigierten.
Nun soll es wieder nach oben gehen. Sagt Herrmann. «Wir wollen überall um den Titel spielen. Und natürlich ist die Teilnahme am europäischen Geschäft das Ziel.» Das ist doch einigermassen konkret.
Wie das passieren soll, wird weniger deutlich formuliert. Zwar sei man schon länger an der Kaderbildung dran, wolle proaktiv sein, habe auch Lösungen bereit, falls wichtige Spieler wie etwa Dominik Schmid (der Transfer zu Red Bull Salzburg steht bevor) den Club verliessen. Gleichzeitig wisse man auch um die Schwierigkeiten eines Spielermarkts, der sich erst richtig bewegt, wenn die Meisterschaft in der Schweiz bereits wieder in Gang ist. Umso mehr, wenn es – wie aktuell – ein WM-Jahr sei.
Valentin Stocker, Andreas Herrmann und die Logik
Die letzte Feststellung dürfte sich als jene von grösserem Gewicht erweisen. So eben, dass der grössere Teil der Basler Transferbewegungen erst nach dem 25. Juli und dem Start der Super League erfolgen wird. Alles andere wäre eine Überraschung und würde der Logik des Geschäfts zuwiderlaufen.
So, wie es der Logik des Geschäfts widerspräche, wären Stocker und Herrmann bei ihrer Präsentation vor den Medien nicht darum bemüht, sich wahlweise überzeugt oder zumindest zuversichtlich zu äussern.
Folglich war es stets Stockers Haltung, dass er nie allein die sportliche Verantwortung bei einem Club tragen, sondern diese teilen wolle. Dass alles andere aufgrund der Aufgabenfülle und Belastung im Fussball der Gegenwart auch gar nicht mehr zeitgemäss sei. «Zu der Einsicht bin ich schon länger gelangt und habe das in meiner Abschlussarbeit geschrieben.»
Valentin Stocker, Andreas Herrmann und die Verteilung
Absolviert hat er den Lehrgang «Uefa Executive Master for Former Players», für ehemalige Spieler also. Anschauungsunterricht, um diese Meinung zu verfestigen, hat er in den zweieinhalb Jahren als Mitglied der FCB-Sportkommission erhalten, während der er das Büro mit dem nun abgetretenen Sportdirektor Daniel Stucki geteilt hat.
Stocker sagt: «Dani hat vieles auf sich vereint, war dazu geeignet. Doch auch da stellt sich die Frage: Ist es heutzutage überhaupt noch möglich, diesen 24/7-Job über mehrere Jahre auszuüben?»
Für Stocker ist klar, dass er das nicht kann. Und ist unklar, ob er über den 8. September hinaus Co-Leiter beim FC Basel sein will.
Warum, das sagt er zwischen den Zeilen. Dass die Struktur mit Doppelspitze die richtige sei, davon ist er überzeugt. Dass er als Sportlicher Leiter noch immer einen Fulltime-Job angetreten hat, weiss er auch. Und er traut sich auch zu, den entsprechenden Aufwand bis weit über den Transfer-Deadline-Day vom 8. September auszuüben, sodass man den Zusatz «kommissarisch» aus seinem Titel streichen kann.
Was er dabei aber nicht sein will, ist einer, der in der Öffentlichkeit den Kopf hinhalten muss für Dinge, die andere zu verantworten haben. Keine Marionette, die fürs Publikum tanzt, während andere an den Fäden ziehen.
Valentin Stocker, Andreas Herrmann und der Präsident
Das lässt er durchblicken, wenn er davon spricht, dass es ihm darum gehe, erst ein Gefühl dafür zu bekommen, wie es in der Zusammenarbeit mit anderen Entscheidungsträgern funktioniere. Und es ist auch klar, dass er damit weniger den Technischen Direktor Herrmann, sondern den Clubpräsidenten David Degen meint, der über der Doppelspitze steht und sich mit seiner eigenen Fussball- und Transferexpertise einbringt.
Egal, was auf dem Papier steht, wie die Titel lauten und wie das Konstrukt aussieht: Die wahre sportliche Führung des FC Basel liegt beim Club-Mitbesitzer, der zudem weiter in der Sportkommission sitzt. Oder in dem, was von diesem Gremium noch übrig ist.
Stocker zählt dieses erst auf abermalige Nachfrage auf. Nennt Herrmann, Degen und sich selbst. Und erwähnt dann mit Andreas Rey noch einen weiteren Namen eines Mitbesitzers, wobei dieser bisher immer nur assistierende Funktion hatte.
Es wirkt etwas zögerlich. So, wie es etwas seltsam wirkt, wenn Stocker von «Not am Mann» spricht, die geherrscht habe, als es nach erfolglosen Gesprächen wie etwa mit Sandro Burki vom FC Aarau darum ging, die sportliche Leitung neben Herrmann zu komplettieren.
So bleibt noch immer der Eindruck eines Clubs auf der Suche. Und darf man gespannt sein, was der FC Basel findet.
Quelle Baz:
https://www.bazonline.ch/fc-basel-stock ... 0034407890