schnischnaschneider hat geschrieben: 26.06.2026, 11:13
Kann jemand bitte das Inti mit Dieter Schaub teilen? Man dankt!
Happy Birthday, Dieter!
26.06.2026
Porträt
Dieter Schaub wird 80: Der frühere Hooligan-Experte sieht bei Fan-Gewalt schwarz
Der ehemalige Fan-Detektiv der Basler Polizei blickt auf seine Karriere zurück.
Benjamin Wieland
«Geh mal schauen!»: So begann die Hooligan-Detektiv-Karriere von Dieter Schaub.Bild: Kenneth Nars
«In unserem Job darfst du keine Angst haben. Wenn wir mal Angst haben, dann melden wir uns im Innendienst, gäll Sepp?» Das ist der letzte Satz aus «Faustrecht» aus dem Jahr 1993. Im ersten von vier Dokumentarfilmen über Hardcore-Fans des FC Basel haben sie ihren grossen Auftritt: Jimmy, Frosch, Gök, Nevio, Angelo – die so genannten Ultras, die in den 1990er-Jahren das St. Jakob-Stadion und die Steinenvorstadt unsicher machten.
Angst hatte er keine vor den Ultras, Dieter Schaub. Ihm gehörte der letzte Satz in «Faustrecht». Und wer sich die Ultra-Filme anschaut, gewinnt den Eindruck, dass die Ultras nur einen respektierten – ihn, den Detektiv, der bei der Basler Polizei für die Bekämpfung des Hooliganismus und von Jugendbanden zuständig war. In den 1990ern war es Schaub, der Auskunft gab, wenn es gekracht hatte bei einem Fussballspiel. Er galt als der Fangewalt-Experte der Schweiz.
Am Samstag, 27. Juni, feiert Dieter Schaub den 80. Geburtstag. Während seiner Zeit als Polizist lebte er in Basel. Auf seine Pension hin ist der Vater zweier erwachsener Töchter wieder in seine alte Heimat gezogen, nach Ettingen, wo er heute einen Rebhang bewirtschaftet.
Sein Haus ist leicht zu finden: Im Garten flattert die Fahne des FC Basel, des Vereins, dem er seit insgesamt 54 Jahren angehört – genau so lange, wie er mit seiner Frau Matilda verheiratet ist. «Bei den aktuellen Leistungen des Clubs», sagt er mit einem Schmunzeln, «müsste die Fahne eigentlich auf Halbmast stehen.»
Als im alten Joggeli die Fäuste flogen
Wie die Opfer der Ultras spielt Schaub in den Filmen über sie nur eine Nebenrolle. Im letzten kommt er gar nicht mehr vor, «Narben der Gewalt» von 2008. Filmemacher Alain Godet sucht die früheren Haudegen wieder auf. Einige haben den Ausstieg geschafft – andere nicht.
Dieter Schaub in «Faustrecht», dem ersten Film über FC-Basel-Hardcore-Fans von 1993.Video: SRF
Eingerichtet worden ist die Gruppe Hooliganismus bei der Basler Polizei Anfang der 1980er-Jahre. Die Hooligan-Kultur war auf den Kontinent übergeschwappt, von England aus. Ein Schock für die Schweiz war der 30. Mai 1981, WM-Qualifikation, England–Schweiz, 40'000 Menschen im Joggeli, darunter viele Raufbolde. «Schlachtfeld St. Jakob», hiess es am anderen Tag in den Zeitungen. «Zeitweilig standen alle verfügbaren Krankenwagen im Einsatz, um die zum Teil schwer Blessierten in die Notfallstation zu transportieren», berichtete die Schweizerische Depeschen-Agentur.
Die überforderte Polizei hatte an zwei Fronten zu tun. Es war die Zeit der Jugendunruhen. Am selben Abend versuchten Sympathisanten des Autonomen Jugendzentrums (AJZ), ins Stadttheater einzudringen.
Sein Chef sagte: «Geh mal schauen!»
Die Gewalt war nicht mehr zu ignorieren. Dieter Schaub erinnert sich: «Ich war ein junger Fahnder. Einmal kam mein damaliger Chef zu mir und sagte: ‹Du, du bist doch immer beim Fussball – geh du mal schauen!›»
Es folgten fast drei Jahrzehnte, in denen Schaub an praktisch allen FCB-Spielen war, in Basel, aber auch in Delémont, Zürich, Valencia und Liverpool. In den 90er-Jahren begleitete er zudem die Nationalmannschaft. Etwa 1996 an die EM in England.
«Oh nein, der Schaub ist da!», das hat er häufig gehört, wenn er bei einem Auswärtsspiel vor dem Gästesektor auftauchte. Und ihn die FCB-Schlachtenbummler erblickten. Sie wussten: Wer mit einem Stadionverbot belegt war, kam jetzt nicht rein.
Die Ultras sprachen ständig vom «Schaub»
Was heute kaum denkbar wäre: Schaub und seine Kollegen waren für die ganze Muttenzerkurve zuständig, standen bei den Fans, mit Knopf im Ohr, aber in Zivil. Schaub: «Wenn ich heute sehe, welche Hundertschaften an die Spiele abkommandiert werden, gibt mir das zu denken.»
Dieter Schaub 2001 im frisch eingeweihten Joggeli.Bild: zvg
Wie «Faustrecht» kam auch der Zweitling «Fussballfieber» im Jahr 1993 heraus, 1999 folgte «Einmal Schläger, immer Schläger?». Bevor Alain Godet mit den Dreharbeiten beginnen konnte, musste er das Vertrauen der Ultras gewinnen, wie er der bz erzählt. Das habe sicher zwei Jahre gedauert: «Ich traf mich immer wieder mit ihnen, ging mit ins Stadion, aber auch zu Partys und in die Steinenvorstadt. Und da kam dieser Dieter Schaub immer wieder zur Sprache. Sie sprachen vom ‹Schaub›, oder gar vom ‹Dieter›.»
Er denke schon, dass Schaub sein Wirken als erfolgreich bewerte, sagt Godet: «Zwar haben die Ultras über ihn auch Witze gerissen, aber sie respektierten ihn. Er war für sie auch eine Art Vaterfigur.» Schaub drückt es so aus: «Ich war mehr Sozialarbeiter als Polizist.»
Die goldene Regel Nummer 18: Augenmass
Der Ettinger, ursprünglich gelernter Sanitär-Installateur, erinnert sich: «Es galt, dranzubleiben bei diesen Jungs. Den Respekt musste ich mir erarbeiten.» Mit Strenge und Autorität allein wäre er aber nicht weit gekommen: «Ich sagte den jungen Polizisten immer: ‹Es gibt 17 Regeln, ja. Aber es gibt auch Regel 18: Sie heisst gesunder Menschenverstand!›.» Die Ultras machten es der Polizei nicht einfach. Alain Godet erinnert sich: «Sie haben vor den Spielen Tierblut getrunken, um sich aufzuputschen.»
Vor zwanzig Jahren hatte Fan-Detektiv Schaub seinen letzten Arbeitstag, nach insgesamt 35 Dienstjahren ging er ordentlich in Pension. Die Gewalt in und rund um die Fussballstadien ist geblieben. Warum sie bis heute nicht eingedämmt werden kann, erklärt Schaub mit zwei Hauptursachen: «Die Clubs, die Verbände und die Politik ziehen nicht am selben Strick. Es reicht nicht, nur Regeln aufzustellen – du musst sie auch durchsetzen. In Holland wird ein Spiel sofort abgebrochen, wenn ein Bierbecher auf dem Feld landet.»
Aus dem privaten Fotoalbum: Schaub als junger Polizist mit «Bobby-Hut» auf dem Claraposten 1970.Bild: zvg
Das zweite Manko sei die zu langsam arbeitende Justiz: «Wenn Du einen 21-Jährigen für eine Tat bestrafst, die er als 18-Jähriger begangen hat, dann ist die präventive Wirkung null.»
«Schande von Basel»: Was hätte er verhindern können?
In Schaubs letztes Dienstjahr fiel auch der 13. Mai 2006, die «Schande von Basel». In letzter Minute entriss der FC Zürich dem FC Basel im St. Jakob-Park den sicher geglaubten Meistertitel. Es kam zum Platzsturm, Chaoten machten Jagd auf FCZ-Spieler.
Dieter Schaub stand an jenem Tag nicht im Einsatz. Er weiss bis heute nicht, wieso: «Die Spiele zuvor war ich noch aufgeboten worden, aber nicht für die Finalissima – für ein Hochrisikospiel in dem Stadion, für das ich das Sicherheitskonzept geschrieben habe!»
Trotzdem: Dieter Schaub, der seine Dienstwaffe nur einmal ziehen musste («bei der Verhaftung eines Einbrechers»), blickt positiv auf seine Karriere zurück. Mit seinen früheren Widersachern hat er keine Rechnung offen. Er erzählt: «Wenn Matilda und ich in die Stadt gehen, treffen wir häufig frühere Ultras an, das sind mittlerweile gestandene Männer. Sie kommen dann zu mir, wollen Selfies machen, umarmen mich. Meine Frau fragt sich bis heute, warum ein pensionierter Schugger so beliebt ist.»