gifty hat geschrieben: 21.11.2025, 19:02
Kann jemand Ludos Interview mit der BaZ von heute hier posten?
Ludovic Magnin, sind Sie erholt?
Völlig erschöpft war ich sowieso nicht. Meine Energie hängt immer davon ab, wie wohl ich mich an einem Ort fühle und wie glücklich ich bin – und beides war hier vom ersten Tag an gegeben. Von daher kann es wieder losgehen.
Also hätten Sie die Pause gar nicht unbedingt gebraucht?
Als Mannschaft hat es uns sicherlich gutgetan – gerade im mentalen Bereich. Zuvor hatten wir 23 Tage ohne freien Tag. Bei mir persönlich ändert sich während einer Länderspielpause aber nur, dass ich den Druck nicht habe, Spiele zu gewinnen.
Ganz weg vom Fussball sind Sie also nie.
Kaum. Als ich mit meiner Frau und meiner Tochter an einer Tanzaufführung war, habe ich ein paar Stunden nicht an Fussball gedacht. Aber sobald ich alleine bin oder mit dem Hund spazieren gehe, denke ich an die Mannschaft und daran, was wir noch verbessern können.Sie haben einen Hund?Ja, meine Frau hat sich einen zugelegt. Er ersetzt mich wohl während der englischen Wochen. (lacht) Die Leute in Trübbach sehen mich jetzt aber viel öfter, wenn ich ihn spazieren führe. Wobei man sagen muss, dass er eher mich führt.
Trübbach? Da wuchs Martina Hingis auf
…Ja, meine Frau ging mit ihr zur Schule. Ich habe viel von ihr erzählt bekommen und unter anderem Kassetten mit alten Schulaufführungen gesehen. Aber persönlich kenne ich Martina Hingis nicht.
Ist der Aufwand, den Sie betreiben, grösser als bei Lausanne-Sport?
Nein, ich dachte auch damals schon fast 24/7 an die Arbeit. Aber bei Lausanne hatte ich mehr Zeit, um mich auf ein Spiel vorzubereiten, und vor allem waren die Ziele andere. Beim FCB muss ich Titel verteidigen, also müssen die Ergebnisse schnell kommen.
Sie sind nun seit fünf Monaten Trainer des FC Basel. Ist es so, wie Sie es erwartet haben?
Vom Verein und der Mannschaft her ja. Aber es fehlen uns ein paar Punkte, mit denen ich eigentlich gerechnet hätte.
Haben Sie eine Erklärung für die fehlenden Punkte?
Es gibt Ansätze, ja. Uns fällt es nicht ganz leicht, die Vertikalität in unser Spiel zu bringen, die ich fordere. Unter anderem auch, weil der Fussball von letzter Saison sehr ballbesitzlastig war. Gepaart mit den englischen Wochen, verkompliziert das meinen Job. Auch das nötige Wettkampfglück müssen wir uns halt erzwingen, wenn es nicht einfach zu uns kommt.
Wie macht man das?
Ich habe meiner Mannschaft gesagt: Wenn ein Ball hinter der Linie ist und das Tor nicht zählt oder wenn der Ball vom Pfosten rausgeht anstatt ins Tor, dann heisst das vielleicht, dass wir noch zehn Prozent mehr brauchen. Für mich sind das keine Zufälle.
Sie sprechen die Effizienz an.
Ich hätte nicht erwartet, dass wir so viele Chancen liegen lassen. Ich hielt das für eine welsche Krankheit, weil man da alles etwas lockerer sieht. Aber diese deutsche Mentalität, der letzte Wille, die Disziplin, die Entschlossenheit fehlt mir bisher auch etwas beim FC Basel. Da ärgert mich die Art und Weise schon, wie wir Punkte liegen gelassen haben.
Was hat Sie positiv überrascht?
Ich wusste vom Hörensagen, von Marco Streller und Co., dass der FCB in Basel sehr wichtig ist. Aber ich dachte immer, das werde etwas übertrieben dargestellt.Und jetzt?Da war ganz und gar nichts übertrieben! Es ist unglaublich, wie präsent der FCB bei den Menschen in Basel ist. Vom Opa bis zur Enkelin – alle wissen, wie es um den FCB steht. Die Leute sind einfach cool drauf, schon so oft hatte ich kleine Gespräche mit den Fans – immer positiv und aufmunternd. Es ist auch das erste Mal, dass ich von vorbeifahrenden Autos angehupt werde. Das gab es nicht mal nach dem Meistertitel in Stuttgart. Wichtig ist mir, dass die Fans meine Ehrlichkeit spüren. Daher kommt in den Pressekonferenzen auch immer mal wieder ein dummer Spruch, weil das bin halt einfach ich.
Wie zufrieden sind Sie damit, wie Sie bisher in den Medien abgebildet werden?
Absolut zufrieden. Ich verstehe, wenn es nach einer Niederlage Kritik gibt – ich spreche ja auch klar aus, wenn wir schlecht waren, und weiss, dass ich nicht alles richtig mache. Da muss man nicht lange um den heissen Brei reden, auch wenn man sich dadurch angreifbar macht. Ab und zu gibt es dann auf Tiktok halt mal ein Video mit ein paar Millionen Klicks, wenn ich wieder einen Blödsinn rauslasse.
Xherdan Shaqiri thematisierte zuletzt wiederholt, dass er sich in Teilen der Medien zu oft und zu negativ abgebildet sieht.
Die Aufmerksamkeit, die Shaq in den Medien erhält, ist mit jener, die ich erhalte, nicht zu vergleichen. Da kann ich mir schon vorstellen, dass es viel ist. Wobei ich denke, dass es ihn weniger belastet, als man annehmen könnte, wenn er dann darüber spricht.
Er bezog sich dabei auch auf jene Episode, als er Sie nach dem Hinspiel gegen Kopenhagen öffentlich darauf hingewiesen hatte, dass man Jonas Adjetey vielleicht hätte auswechseln sollen.
Wenn wir das selbst so vor die Medien tragen, habe ich kein Problem damit, wenn das aufgegriffen wird. Vielleicht wurde es tatsächlich ein wenig grösser gemacht als nötig. Aber mein Gott, ich fand es eher lustig. Es hätte mich wohl mehr gestört, wenn an dieser Kritik wirklich etwas dran gewesen wäre. Ich drücke den Spielern in den Trainings auch immer wieder Sprüche rein, da muss ich so etwas auch aushalten können.
Shaqiri ist das absolute Zentrum im Basler Spiel. Macht es das schwieriger, Ihre Ideen von Pressing und vertikalem Spiel auf dem Feld umzusetzen?
Überhaupt nicht. Man merkt natürlich, wie viele wichtige Aktionen über ihn laufen – deswegen akzeptieren wir auch, dass er defensiv etwas weniger macht. Aber jeder andere würde das Spiel genauso um ihn bauen.
Muss man wahrscheinlich.
Ich würde mir ins eigene Bein schiessen, würde ich es nicht tun. Wir haben einen Spieler mit einem linken Fuss wie kein anderer in der Geschichte der Schweiz. Wobei Hadsch (Hakan Yakin, Anm. d. Red.) wohl auf ähnlichem Niveau war – und ich dann gleich dahinter komme. (lacht)
Der FCB hat bisher noch kein Ligaspiel gewinnen können, in dem Shaqiri keinen Skorerpunkt gesammelt hat. Ist Rotblau zu abhängig von ihm?
Das ist schon eine extreme Statistik. Aber er ist halt einfach ein aussergewöhnlicher Fussballer für dieses Niveau. Ich denke aber, dass wir sehr gute Alternativen hätten, sollte er einmal ausfallen. Aber wenn ich sehe, wie professionell er ist und wie gross sein Hunger auch noch mit 34 ist, kann ich mir gut vorstellen, dass er das bis Ende Dezember durchzieht.
War Shaqiris exzessive Kommunikation auf dem Feld mal ein Thema zwischen Ihnen beiden?
Wir besprechen alles und haben folglich auch das thematisiert. Auch ich habe eine Rückkehr in die Schweiz hinter mir und weiss, wie man sich dabei fühlt und wie gross der Druck ist. Man erwartet, dass du die Kabine managst, man erwartet, dass du den Platz managst, man erwartet, dass du das Marketing managst, man erwartet, dass du den Fanshop managst, man erwartet, dass du alles managst. Sie verstehen?
Ja.
Also ist es nur menschlich, dass man in gewissen Momenten auch Fehler macht. Vor allen Dingen ist es aber genau dieser Hunger, der uns hilft zu gewinnen. Ausserdem kennen wir alle Shaq gut genug und wissen, wie wir das einordnen müssen.
Wie beurteilen Sie mit etwas Distanz Shaqiris Gelbe Karte nach dem Foul gegen Ebrima Colley beim YB-Spiel?
Klar, wenn er ihn weiter oben trifft, dann ist es Rot. Aber so ist es für mich Dunkelgelb.
Woran haben Sie mit der Mannschaft in dieser Pause konkret gearbeitet?
Wir mussten beispielsweise noch einmal über die Bücher, was das Angriffsdrittel anbelangt, und mir ist aufgefallen, dass wir das Zentrum zuletzt zu stark forcierten und es so immer wieder unnötige Ballverluste gab. Zudem schauten wir an, dass wir unser Spiel nicht unnötig mit zu vielen Ballkontakten verlangsamen, und auch das Gegenpressing war Thema. Ausserdem haben wir die Tendenz, dass wir den Ball immer in den Fuss wollen und zu selten die Tiefe suchen – also haben wir thematisiert, dass wir da flexibler werden.
Konnten Sie das Pressing so umsetzen, wie Sie sich das zu Beginn vorgestellt hatten?
Um so zu pressen, wie wir es in Lausanne getan haben, brauchst du vollkommen frische Beine. Bei einem Spiel an jedem dritten Tag liegt das nicht immer drin.
Sie sahen sich also gezwungen, von Ihrer ursprünglichen Idee des Pressings abzuweichen.
Ich musste es etwas anpassen, ja. Vor allem auch aufgrund der Anzahl Spiele. Die Belastungssteuerung ist ganz anders in englischen Wochen. Und darüber hinaus muss man sich natürlich auch an die Stärken und Schwächen der Spieler anpassen.
Moritz Broschinski hat gegen Lugano beinahe sein erstes FCB-Tor abseits des Schweizer Cups geschossen. War sein Schuss nach dem vergebenen Penalty von Shaqiri Ihrer Ansicht nach hinter der Linie?
Dazu habe ich nicht viel zu sagen. Das überlasse ich den Medien.
Aber für Broschinski ist es natürlich bitter.
Ja, das dachte ich mir auch. Bei ihm sehe ich eine stetige, positive Entwicklung. Ich freue mich auf den Moment, in dem er seinen Kritikern zeigt, was er kann.
Wirkt er frustriert auf Sie?
Nein, er arbeitet unverändert extrem hart und legt Extraschichten ein. Irgendwann wird sich das auszahlen. Das Problem ist, dass dieses Irgendwann im Fussball manchmal länger braucht, als man es sich erlauben kann.
Es gibt Fans, die haben bei ihm die Hoffnung bereits aufgegeben, dass er für den FCB genügen könnte …
Ich akzeptiere sachliche Analysen, aber das ist schlicht falsch. Und das sage ich nicht nur, weil ich mich als Trainer immer wie ein Löwe vor meine Spieler stelle, wenn sie kritisiert werden. Mo erinnert mich an ein paar Stürmer, mit denen ich zusammengespielt habe. Bei Miroslav Klose ging am Anfang bei Werder Bremen auch nicht viel zusammen – ohne hier zu grosse Vergleiche machen zu wollen. Ich werde alles dafür tun, dass Broschinski seinen Kritikern den Mund stopft.
Auch Philip Otele ist in dieser Saison noch nicht da, wo man ihn sich aus Basler Sicht erhofft hat.
Es gibt noch andere Spieler, die sich derzeit nicht auf ihrem Top-Level befinden. Aber der Schuldige dafür bin ich, denn es ist die Aufgabe des Staff, dass die Spieler performen. Es gibt durchaus Spieler, bei denen ich den Schlüssel noch nicht gefunden habe.homa (Freshfocus)
Es ist bemerkenswert, dass Sie das so gestehen.
Nein, es ist nur logisch. Ich bin erst seit ein paar Monaten in Basel und habe 30 Spieler. Bei gewissen Spielern weiss man einfach nicht von Beginn an, ob man sie jetzt streicheln oder eher pushen muss. Wichtig ist aber, dass der Grossteil der Mannschaft sehr gut funktioniert – vor allem auch die Leader. Ausnahmen gibt es immer.
Der FCB hat derzeit die zweitbeste Defensive der Liga. Ist es zu einfach, wenn man sagt, dass das Flavius Daniliuc zu verdanken ist?
Ja. Auch wenn Flavius natürlich sehr gut gestartet ist. Alle Defensivspieler haben sehr hart gearbeitet – unter anderem Stunden mit dem Videostudium verbracht. Den Ausfall von Keigo Tsunemoto haben wir dank Kevin Rüegg und Nicolas Vouilloz sehr gut kompensiert, und auch sonst sind wir defensiv hervorragend aufgestellt. Nach etwas Herumprobieren steht jetzt auch eine Stammviererkette.
Für Jonas Adjetey bedeutet das, dass er vorerst weiterhin auf der Bank Platz nehmen muss.
Jonas ist ein super Spieler und wird in dieser Saison noch sehr viele Spiele für uns bestreiten – möglicherweise auch in naher Zukunft. Man muss bei ihm die Gesamtsituation sehen: Er ist ein junger Spieler, der in der letzten Saison wiederholt überragende Leistungen gezeigt hat. Plötzlich ist er Meister, spielt international, fliegt in der Länderspielpause mit Ghana nach Japan und hat einen neuen Konkurrenten auf seiner Position. Das alles zu verarbeiten, ist nicht einfach.
Und Daniliuc?
Er hat eine super Persönlichkeit, um ein Abwehrchef zu sein, und hat sich auch dank seinem Sprachtalent sehr schnell integriert. Er redet viel auf dem Feld, und da uns das – abgesehen von Shaqiri – eher fehlt, ist er dadurch noch einmal etwas wertvoller.
Was ist eigentlich mit dem FC Thun los?
Ich habe nach unserem Spiel dort gesagt, dass dort nicht viele Mannschaften gewinnen werden. So falsch lag ich damit nicht. Sie machen einen super Job und sind im Flow – Überraschungen kann es immer geben. Aber als FCB müssen wir nicht auf die Gegner schauen, sondern liefern. Der Schlüssel ist bei uns.
YB muss man natürlich schon auch im Auge behalten.
Klar. Im Gegensatz zur letzten Saison hatte YB in dieser Spielzeit keinen grossen Durchhänger. Es wird ein harter Kampf – aber das haben wir ohnehin erwartet.
Zum Ende der letzten Saison kam auch der FCB in einen Flow und wurde vor allem dadurch Meister.
Ich schliesse nicht aus, dass uns das in dieser Saison noch einmal gelingen wird. Das sind Dinge, die man nicht planen kann. Aber ein paar solche Serien werden nötig sein, um Meister zu werden.
Und eine gute Balance zwischen Liga, Europa League und Cup. Für Sie ist das vor allem Kopfsache.
Die Laufdaten zeigen, dass wir körperlich genug fit sind, um jeden dritten Tag zu spielen. Aber dass uns im Kopf die Frische und auch die Klarheit gefehlt haben, sieht man beispielsweise daran, dass wir im letzten Drittel zu kompliziert geworden sind. Wir könnten oft viel einfacher und direkter zum Tor gelangen.
Wie gehen Sie das in den nächsten neun Spielen in 28 Tagen an?
Vielleicht ist es eine Option, den einen oder anderen freien Tag mehr einzubauen auf Kosten eines Trainings, einer Recovery-Session oder einer taktischen Einheit – aber dafür mit einem grossen Plus im mentalen Bereich. Ich habe mich da aber noch nicht entschieden.
Wo wollen Sie an Weihnachten stehen?
Auf der Skipiste ... Nein, im Ernst: Ich möchte, dass wir in allen Wettbewerben noch voll im Rennen sind. Im Cup müssen wir ohne Diskussion weiterkommen. In der Europa League sollten wir so punkten, dass wir in Reichweite der zehn, zwölf Punkte sind, die es für ein Weiterkommen braucht. Und in der Liga müssen wir oben mit dabei bleiben.
Als Erster werden Sie kaum überwintern.
Im Fussball ist alles möglich. Aber es ist in Anbetracht des Rückstands auf Thun zumindest nicht wahrscheinlich. Klar ist: Der Rückstand muss kleiner werden.
Dafür muss bis Mitte Dezember mehr kommen.
Punkto Ergebnisse sicherlich.