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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : FACTS über Philipp Degen



quasimodo
09.12.2004, 08:34
Zu klein für die grosse Welt

Mehr und mehr junge Fussballer sprinten ins Ausland, getrieben von Träumen und Verlockungen der Spielervermittler. Doch der Alltag in der Fremde ist hart, nur wenige kommen durch. Die Schweizer Klubs versuchen den Exodus aufzuhalten.

François Schmid und Patrick Mäder

Die Schweiz ist wer im Fussball u2013 spätestens seit dem Mai 2002, als die U-17-Auswahl Europameister und zur «goldenen Generation» wurde. Der erste Titel in der Geschichte des Schweizerischen Fussballverbandes und ein Versprechen für die Zukunft. Es folgten die Halbfinals an der U-21-EM im eigenen Land und die erstmalige Qualifikation für eine U-20-WM, die nächstes Jahr in Holland stattfinden wird. Erfolge, die dem Schweizer Fussball gut tun.

Aber sie fordern ihren Preis: Immer mehr Talente sprinten ins Ausland, bevor sie in der Schweiz richtig Akzente gesetzt haben. Begünstigt durch die offenen Grenzen in Europa. Die Schweizer Liga verliert an potenziellen Attraktionen, und die Klubs müssen hilflos zusehen. Jüngstes Beispiel: der Transfer von Philipp Degen, der trotz mündlicher Zusage an den FC Basel dem Lockruf des hoch verschuldeten Bundesligaklubs Borussia Dortmund folgt. Der 21-Jährige wechselt spätestens im Sommer in den Ruhrpott. Basel sieht kaum Geld, der Vertrag mit dem Spieler läuft aus. Darum muss Dortmund keine Ablöse zahlen.

Bedenken blieben ungehört

Klar, dass sich Trainer Christian Gross über den billigen Abgang Degens wenig freut. Er glaubt, der Wechsel in die Bundesliga komme zwei Jahre zu früh. «Philipp müsste noch reifer werden.» Seine Bedenken blieben ungehört. Wie auch die Perspektive, die er Degens Berater Heinz Gruler unterbreitete, nämlich dass bei einem Transfer zu einem späteren Zeitpunkt alle mehr Geld verdienten. «Leider sind die Spieler und ihre Berater zu ungeduldig. Sie glauben nicht an eine zweite Chance.»

Der Basler Trainer kennt das raue Fussballklima im Ruhrpott aus eigener Erfahrung als Spieler des VfL Bochum. Er rät Degen deshalb, die Boxhandschuhe nach Dortmund mitzunehmen. Vom ersten Tag an wird der Verteidiger einer enormen Belastung ausgesetzt sein. Im grossen Spektakel Bundesliga wird er aus deutscher Sicht nur der kleine, unbedeutende Schweizer ohne Lobby und Länderspielerfahrung sein. Da nützt es auch nichts, wenn ihn Dortmunds Manager als «grosses Talent mit viel Qualitäten und Potenzial » rühmt und Basels internationale Erfolge betont. Fakt ist: Degen kam an den grossen Champions-League-Abenden der Basler keine Minute zum Einsatz. Der 21-jährige Schweizer wird in Dortmund als Nobody neben 30 teils renommierten Profis antreten müssen.

Es braucht mentale Stärke, die fehlende Wertschätzung in der Fremde zu ignorieren. Weit weg vom Elternhaus im baselländischen Lampenberg, getrennt von seinem Zwillingsbruder David, mit dem er beim FC Basel hervorragend harmoniert. «Meine Schwester hat auch eineiige Zwillinge », bekräftigt Trainer Gross seine Bedenken. «Einer musste die RS abbrechen, weil er die vorübergehende Trennung vom Bruder nicht verkraftete.» Er prophezeit Philipp Degen einen schweren Start, auch wenn er überzeugt ist, dass sich ein Basler Stammspieler trotz allem auch in der Bundesliga durchsetzen kann.

«Die Abgänge der Jungen sind nur die Spitze des Eisbergs», glaubt GC-Sportdirektor Jean-Paul Brigger. Der Ex-Internationale sagt es keineswegs zerknirscht. «Es handelt sich um positive Probleme.» Mit jeder Qualifikation für eine Endrunde werden die Terminkalender voller, die Belastungen der Nationalspieler höher und ihre Ambitionen, im Spiel der Grossen mitzutun, stürmischer. «Das sind doch Zeichen, dass die Schweiz langsam zur Fussballnation wird.» Auch Brigger hat ein junges Talent abgeben müssen. U-17-Europameister Reto Ziegler wechselte im September zu Tottenham nach England. Bei GC sass er zuletzt mehrheitlich auf der Ersatzbank. Brigger kann diesem Transfer denn auch Positives abgewinnen. «Es wurde höchste Zeit, dass unter den Talenten, die die Schweiz verlassen, ein Spieler von GC ist.» Ein solcher Wechsel stärke immer auch das Label des Klubs, der den Spieler ausgebildet hat. Rund 800'000 Franken hat GC bekommen. Doch wie für Degen gilt auch für Ziegler: Wäre er noch ein paar Jahre bei seinem Klub geblieben und dort Leistungsträger und Nationalspieler geworden, hätte ein ganz anderer Transfererlös erzielt werden können.

«Die Entwicklung ist nicht aufzuhalten », sagt Brigger. Früher sei einer noch geschätzt worden, wenn er zehn Jahre beim gleichen Klub spielte. Wie in der Privatwirtschaft sei das heute auch im Fussball vorbei. «Die jungen Spieler haben im Unterschied zu früher alle eigene Berater, die den Spielern die Köpfe verdrehen. Uns bleibt nur Überzeugungsarbeit zu leisten. Und zwar schon bei den Jüngsten.» Zweimal im Jahr werden neuerdings bei GC Einzelgespräche mit jedem Junior und seinen Eltern geführt. «Wir versuchen so eine Vertrauensbasis zu erzeugen, die Nachhaltigkeit schafft», sagt Markus Frei, Trainer der U- 17-Europameister, seit dieser Saison Nachwuchschef bei GC. Auch er findet, dass die Spieler in der Regel zu früh ins Ausland wechseln. Und bezweifelt, dass Reto Ziegler in London die persönliche Betreuung bekommt, die er bei GC genossen hätte. Auf dem Hardturm werden künftig junge Kaderspieler einen Tag pro Woche zu einem Spezialtraining aufgeboten, bei dem man individuell auf die einzelnen Spieler eingeht.

Es sind diese kleinen Dinge, die Frei als Argumente einbringen kann, um von ausländischen Klubs umworbene Spieler für ein Bleiben zu überzeugen. Denn längst nicht alle Transfers der Jungtalente sind Erfolgsgeschichten. Sandro Burki, Captain der U-17-Helden, hatte einen Stammplatz beim FC Zürich, wechselte dann zu Bayern München, versauerte schliesslich bei den Amateuren und kehrte desillusioniert in die Schweiz zurück. Heute sitzt er bei YB auf der Ersatzbank. Die Chance, dass bis zur Euro 2008 aus dem ehemaligen Hoffnungs- ein Leistungsträger der A-Nationalmannschaft wird, ist kleiner denn je. «Sandro müsste schon einen grossen Schritt nach vorne machen», sagt Frei.

Dabei ist Burki einer der komplettesten Jungfussballer der Schweiz. Frei hat gehofft, das Talent lerne bei Bayern München die Winner- und Beissermentalität, für die der deutsche Rekordmeister berühmt ist. Gerade in dieser Hinsicht müssten Schweizer noch viel dazulernen, findet Frei. «Den Willen, alles für den Erfolg zu geben, vermisse ich bei so manchem. Meistens ist dieser entscheidend, ob sich einer durchsetzt oder nicht.» Tranquillo Barnetta und Philippe Senderos waren für Frei schon als U- 17-Spieler reifer als die anderen. «Das sind zwei Spielertypen, die sich jeder Trainer wünscht. Topeinstellung, Riesentalent und den unbedingten Willen, sich durchzubeissen, egal was kommt.» Barnetta spielt seit dieser Saison in der Bundesliga bei Hannover, verletzte sich aber im A-Länderspiel gegen Israel und fällt bis im Frühjahr aus. Senderos wechselte nach dem U- 17-Titel von Servette zu Arsenal, verpasste in London wegen einer Rückenverletzung fast ein ganzes Jahr. Frei ist trotzdem überzeugt, dass diese beiden Spieler an der EM 2008 zum Stamm der Schweizer Nationalmannschaft gehören werden.

Psychische wie physische Belastung

Denkbar, dass die Auslandtransfers von Senderos und Barnetta keinen direkten Einfluss auf ihre Verletzungen hatten, trotzdem findet Frei in der enormen Belastung, welcher junge Spieler bei europäischen Topklubs psychisch wie physisch ausgesetzt sind, ein weiteres Argument gegen einen zu frühen Transfer ins Ausland. Auch Gross glaubt an dieses Argument: «Die Jungen verlassen in der Schweiz ein behütetes Umfeld. Im Ausland müssen und wollen sie sich unter grösserem Druck täglich beweisen, mit der Gefahr, dabei die körperlichen Grenzen zu überschreiten.»

In der Diskussion über den optimalen Zeitpunkt für einen Wechsel propagiert Christian Gross ein Pyramidenmodell. Wer sich bei einem kleinen Klub wie dem FC Aarau durchsetzt, sollte die nächste Herausforderung bei einem Schweizer Spitzenklub suchen. «Zuerst hier einen Titel gewinnen, dann erst ins Ausland wechseln. » Heinz Gruler, der Berater von Philipp Degen, sieht das anders. «Für einen Auslandtransfer ist es nie zu früh.» Den Spielervermittlern geht es in erster Linie um ein gutes Geschäft. Vielen Spielervätern auch, denn es lockt Prestige und Geld für die ganze Familie. Der Vater von Philippe Senderos beispielsweise soll beim Transfer seines Sohnes zu Arsenal London 750'000 Franken Handgeld kassiert haben. Die jungen Spieler ihrerseits lassen sich in erster Linie von den Präferenzen ihrer Berater leiten in der Hoffnung, dass sich ihre Träume schnell erfüllen mögen.

Wie Philipp Degen, der es kaum erwarten kann, ins Dortmunder Westfalenstadion einzulaufen u2013 vor 80'000 begeisterten Fans, die ihm zujubeln.

PeppermintPatty
09.12.2004, 09:02
«Den Willen, alles für den Erfolg zu geben, vermisse ich bei so manchem.
Generelles Problem für Schweizer Sportler. In vielen Ländern ist Spitzensport so ziemlich der einzige Weg für einen Normalsterblichen, es zu etwas Wohlstand und damit auch Komfort/Luxus im Leben zu bringen. Dafür gibt man dann bedingungslos vollen Einsatz. In der Schweiz wird man damit gross, dass man eh schon alles hat. Logisch, dass da der Kampfwille und die Fähigkeit, sich durchzusetzen und auch mal einzustecken bei einigen nicht so gross wird. Traurig, eigentlich.

Edberg
09.12.2004, 14:47
Ein für einmal sehr guter Bericht des FACTS (hatte den Glauben bereits aufgegeben)

Das schlimme daran ist, dass es nur Verlierer gibt (Spieler, Verein und Superleague, welche durch die fehlenden Talente zur Gurkenliga für Durchschnittsfussballer verkommen ist). Es braucht einfach noch ein paar abschreckende Beispiele, bis es diese Jungs einfach begriffen haben, dass sie so ihre eigene Zukunft auf Spiel setzen.

Gewalttäter Sport
09.12.2004, 17:05
Nur Verräter lesen oder kaufen diesen Dreck.